Künstlerische Portraitfotografie in Bremen – von der Idee zur Bildserie
Dieses Projekt ist nicht an einem Nachmittag entstanden.
Es war kein Termin, kein Slot, kein „wir machen mal schnell ein Shooting“. Es war Arbeit. Werkstattarbeit.
Daiana und ich haben uns Wochen vor dem eigentlichen Termin kennengelernt. Erst vorsichtig, dann immer konkreter. Es ging um Stimmung, um eine Bildwelt, um eine Figur, die mehr sein sollte als ein Outfit. Dunkel, vampirisch, ja – aber nicht als Kostüm. Sondern als Haltung, die zu ihr passt.
Von Anfang an war klar, dass diese Bilder nicht einseitig entstehen würden. Wir haben viel geschrieben, Bilder geteilt, Ideen gegeneinander gehalten. Daiana kam mit eigenen Vorstellungen, mit klaren Referenzen, mit dem Wunsch, sich nicht einfach fotografieren zu lassen, sondern aktiv mitzuwirken. Meine Aufgabe war es nicht, diese Ideen zu überformen, sondern sie zu sortieren, zu schärfen und gemeinsam weiterzuentwickeln.
Planung als Teil der Arbeit
Wir haben überlegt, welche Kleidung mit den Flügeln funktioniert, wie groß sie maximal sein dürfen, damit sie im Raum wirken, ohne ins Lächerliche zu kippen. Was noch bestellt werden muss, was sich improvisieren lässt, was wir bewusst weglassen. Viele Entscheidungen sind nicht technisch, sondern ästhetisch – und genau darin lag unsere gemeinsame Arbeit.
Parallel dazu entstanden Gespräche jenseits der Fotografie. Persönliche Themen, Erfahrungen, Vertrauen. Diese Art der Zusammenarbeit funktioniert nicht, wenn man sich nur als Fotografin und Kundin begegnet. Sie braucht gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, auch aufeinander Rücksicht zu nehmen.
Kurz vor dem Shooting hatte ich selbst mit einem starken Hautausschlag zu kämpfen. Daiana bot sofort an, den Termin zu verschieben. Kein Druck, kein Anspruchsdenken. Ich habe mich bewusst entschieden, trotzdem zu arbeiten – auch, weil der Umgang so ruhig und unterstützend war. Auch das gehört zur Werkstatt: Menschen, keine Maschinen.
Umsetzung im Studio
Am Tag des Shootings haben wir uns Zeit genommen. Viel Zeit. Der Aufbau dauerte, das Licht wurde mehrfach verändert, verworfen, neu gesetzt. Die Nebelmaschine lief nicht für einen schnellen Effekt, sondern um Tiefe im Bild zu erzeugen. Am Ende hing der Nebel überall – im Studio, in der Wohnung, in den Klamotten. Dazu Umziehen, Schminken, Pausen. All das war Teil des Prozesses, nichts davon nebensächlich.
Daiana hatte mehrere Requisiten mitgebracht. Kerzen, kleine Objekte, unter anderem eine Dose „Liquid Death“, die visuell gut zur Stimmung passte. Wir haben ausprobiert, getestet, Bilder gemacht – und dann gemeinsam entschieden, zu reduzieren. Zu viele Elemente hätten vom Wesentlichen abgelenkt. Nicht das Set sollte im Vordergrund stehen, sondern sie selbst: Haltung, Präsenz, Körperspannung. Weniger Ablenkung bedeutete mehr Klarheit.
Auch inhaltlich trafen zwei Visionen aufeinander. Nicht jede Idee wurde umgesetzt, nicht jeder Gedanke blieb bestehen. Der entscheidende Punkt war nicht das Durchsetzen einer Vorstellung, sondern das Finden einer gemeinsamen. Dort, wo aus zwei Perspektiven etwas Drittes entsteht.
Am Ende standen wir mehrere Stunden im Studio für eine einzige Bildserie. Netto gerechnet waren es sicher um die zehn Stunden Arbeit – Planung, Aufbau, Umsetzung und Nachbereitung nicht eingerechnet. Das ist kein effizienter Prozess im klassischen Sinn. Aber genau so entstehen Bilder, die nicht austauschbar sind.
Nachbearbeitung und Bildraum
Ein großer Teil der Arbeit begann erst nach dem Shooting. Die Nachbearbeitung ist kein kosmetischer Schritt, sondern Teil der Gestaltung. In dieser Serie steckt bewusst viel Photoshop. Bei einem Bild entstehen Flammen zwischen Daianas Händen, abgestimmt auf ihre Haltung und den Spannungsbogen des Bildes. Bei einem anderen wird das „Liquid Death“ als ikonisches Element ins Bild integriert, freigestellt, schwebend.
Da mein Studio räumlich begrenzt ist, wurde der Bildraum digital erweitert. Der Rand des Bildes wurde künstlich verlängert, um Platz für das Objekt zu schaffen, ohne das ursprüngliche Motiv zu zerstören. Solche Eingriffe entstehen nicht automatisch. Sie erfordern Entscheidungen – und Verantwortung gegenüber dem Bild und der Person darin.
Für mich gehören Fotografie, Nachbearbeitung und digitale Erweiterung selbstverständlich zusammen. Nicht als Trick, sondern als Werkzeuge innerhalb eines handwerklichen Prozesses.
Haltung und Weiterentwicklung
Der Preis für dieses Projekt war bewusst fair. Nicht, weil der Aufwand gering gewesen wäre, sondern weil die Idee getragen hat. Ich arbeite gerne mit Menschen, die sich einlassen, die mitdenken, die Teil des Prozesses werden. Aus genau solchen Begegnungen entstehen langfristige Projekte. Weitere Shootings sind bereits geplant, neue Orte, neue Bildideen.
Was mich an solchen Arbeiten interessiert, ist nicht der einzelne Look und auch nicht ein bestimmtes Genre. Ob düster, weich, mythologisch oder reduziert – das sind Oberflächen. Mich interessieren Figuren, Übergänge, Zwischenzustände. Menschen, die sich neu sortieren. Fotografie ist für mich kein Abbilden, sondern ein Werkzeug, um gemeinsam etwas sichtbar zu machen, das vorher nur vage vorhanden war.
Die Photonenhexe steht nicht für einen Stil, sondern für eine Haltung. Für Fotografie als Werkstatt. Als Ort, an dem Menschen Subjekt bleiben dürfen. Für Bilder, die nicht erklären müssen, sondern stehen können. Für Serien statt Einzelbilder, für Tiefe statt Effekthascherei.
Ein leiser Gegenentwurf
Vielleicht ist das auch ein leiser Gegenentwurf zu der Zeit, in der diese Bilder entstehen. Zu einer Gegenwart, in der Effekte billig geworden sind, Aufmerksamkeit laut eingefordert wird und Geschwindigkeit oft mit Bedeutung verwechselt wird. Diese Arbeit funktioniert anders. Sie ist langsam. Sie verlangt Zeit, Vertrauen und Präsenz. Und vielleicht ist genau das heute schon eine politische Entscheidung.
Besonders deutlich wurde mir das im Miteinander. Daiana ist Rumänin, ich bin eine trans Frau. Unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Erfahrungen mit Sichtbarkeit. Und trotzdem – oder gerade deshalb – eine gemeinsame Bildsprache. Die Liebe zum Okkulten, zu Mythen, zu dunkler Symbolik kennt keine Ländergrenzen und keine eindeutigen Kategorien. Sie verbindet dort, wo Worte oft trennen.
In einer Zeit der Vereinfachung ist Komplexität ein Wert.
In einer Zeit der Effekthascherei ist Handwerk ein Statement.
Und in einer Zeit der schnellen Bilder ist Tiefe eine Form von Widerstand.
Dank
Zum Schluss bleibt mir vor allem eines: Danke.
Danke an Daiana für das Vertrauen, für die Offenheit und für die gemeinsame kreative Arbeit. Für eigene Visionen, für Neugier und für das Mitdenken. Dafür, nicht nur ein Ergebnis zu wollen, sondern Teil des Prozesses zu sein.
Es war viel Arbeit – für uns beide. Aber genau diese Art von Arbeit bringt weiter. Sie schärft den Blick, vertieft das Handwerk und hinterlässt mehr als schöne Bilder. Es war mir eine Ehre, mit dir zusammenzuarbeiten.
Solche Begegnungen sind der Grund, warum ich fotografiere.
Und warum Menschen wie du meine Lieblingskundinnen sind.
